Midnight Sports Projekte

Jugendarbeit in der Turnhalle

Data21.04.2012
mediumNeue Zürcher Z.
downloadPDF
Die Stiftung idee.sport bietet Jugendlichen am Samstagabend ein spezielles Ausgangserlebnis

Statt auf der Strasse und in Bars sollen sich Minderjährige bei Spiel und Sport treffen. Hunderte nützen das Angebot Samstag für Samstag und vergnügen sich in Pfäffikon, Wetzikon oder Uster. So nahe die Hallen sind, so weit auseinander die Szenerien.

Andreas Schmid
Laute Musik dröhnt durch die Turnhalle Walenbach in Wetzikon, auf der einen Seite liefern sich Jugendliche einen intensiven Fussballmatch, auf der anderen Seite kommt ein Basketballspiel nur schleppend in Gang. Eine Clique in Ausgangskleidung fläzt sich an diesem Samstagabend lieber auf einer grossen Hochsprungmatte herum und versucht mit coolem Gehabe, den jungen Frauen zu imponieren. Diese präsentieren sich gut sichtbar, aber in sicherem Abstand.

Ob im Sport- oder im Ausgangstenue, ob sportlich aktiv oder herumhängend: Die rund 60 Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 17 Jahren amüsieren sich, beaufsichtigt von mehreren freiwilligen Coachs. Die meisten kennen sich, treffen sich Samstag für Samstag in der Turnhalle, wie Ylli und Robin, zwei aus der Gruppe auf der Matte, erzählen. «Wegen der Leute und der Musik kommen wir», sagen sie, obwohl sie Kopfhörer tragen und sich das Programm vom eigenen iPod holen. «Es ist super hier, alle sind Freunde», schwärmt Ylli.

Auswirkungen des Alltags
Eleonora, eine der Freiwilligen, ist gerade weniger begeistert, weil sich kaum jemand für ein Basketballspiel begeistern lässt. Es sei eine schwierige Zeit, weil viele der Jugendlichen auf Lehrstellensuche seien, sagt Eleonora. «Die meisten haben noch keine, und man merkt ihnen den Stress an.»

Das Publikum bei Midnight Sports setzt sich je nach Standort sehr verschieden zusammen. In Wetzikon etwa sei der Altersdurchschnitt der Besucher deutlich höher als beispielsweise im benachbarten Pfäffikon, sagt Arun Müller, der Zürcher Regionalleiter der Stiftung idee:sport. Zudem variiere der Anteil der weiblichen Teilnehmer erheblich. An einigen Orten beträgt er bis zu 40 Prozent, anderswo liegt er nur bei der Hälfte davon.

Dies versuchen die Projektverantwortichen zu korrigieren, indem sie das Angebot wie in Uster, wo Midnight Sports bereits seit zehn Jahren existiert, durch Tanz erweitert haben. Dass sich die einzelnen Programme trotz dem einheitlichen Konzept (siehe Kasten) unterschiedlich entwickeln, führt Müller auf mehrere Faktoren zurück: «Es gibt ländlich und städtisch geprägte Standorte, und in einigen Hallen sind die Teilnehmer mit ausländischer Herkunft in der Überzahl, in anderen die mit Schweizer Wurzeln.» Die verschiedenen Strukturen ergeben sich laut Müller manchmal zufällig, teilweise durch die Persönlichkeit der Projektleiter und nicht zuletzt auch durch die von den Gemeinden definierte grundsätzliche Ausrichtung.

Am Verpflegungsstand am Eingang zur Halle in Wetzikon lärmt eine Gruppe herum, vor der Türe rauchen Jugendliche Zigaretten. Nur wenige Kilometer entfernt, auf dem Areal des Schulhauses Steinacker in Pfäffikon, präsentiert sich eine ganz andere Szenerie: Der Platz vor der Turnhalle ist leer, im zum Kiosk umfunktionierten Eingangsbereich nippen einige Schüler an einem Getränk, und in der Halle vergnügen sich etwa 30 Jugendliche im Alter zwischen 13 und 15 Jahren. Sie spielen Fussball, klettern an Seilen hoch und unterhalten sich. Bis um 23 Uhr 30 dauert ihr Ausgang, so lange ist Betrieb in der Halle. Die Eltern wüssten, wo und mit wem ihre Kinder unterwegs seien, und die Jugendlichen dürften deshalb ausgehen, nennt der Pfäffiker Projektleiter Abi Bajrami Vorzüge von Midnight Sports. Weil an den Samstagabenden die Turnhallen oft leer stünden, konkurrenziere das Programm zudem die Sportklubs nicht, betont die Stiftung idee:sport.

Breit abgestützt
Die meisten Besucher im Steinacker kommen aus der Umgebung, einige reisen aber jeweils sogar aus Dietikon und Schlieren an. In der Halle träfen sie viele Bekannte, sagen die beiden 14- Jährigen Alexandra und Zariye. Für die Musik in der Halle sorgen als DJs zwei Sekundarschüler.

Unter den Helfern findet sich auch der Vater eines anwesenden Jugendlichen und sorgt dafür, dass alle vor dem Betreten der Halle ihre Strassenschuhe ausziehen. Aus Begeisterung für das Projekt stehe er jeden Samstag im Steinacker, sagt der Mann. Da gibt es allerhand zu sehen: begnadete Fussballtalente wie für die Disco gestylte junge Frauen und Männer sowie um die Gunst auserwählter Prinzessinnen und Prinzen buhlende Jugendliche. Für sie gilt wie jedes Wochenende: neuer Samstag, neues Glück.



Eine Erfolgsgeschichte
Entstanden ist die Idee, die Turnhallen an den Wochenenden als Treffpunkte für Jugendliche zu öffnen, im Jahr 1999 in der Stadt Zürich. Der Förderverein Midnight-Projekte Schweiz schuf in den letzten zwölf Jahren kontinuierlich neue Begegnungsorte für Jugendliche und dehnte seine Tätigkeit inzwischen zur gemeinnützigen Stiftung idee:sport übergeführt - auf die ganze Schweiz aus, inklusive Tessin und Romandie.

Das Konzept gilt in der offenen Jugendarbeit als vorbildlich in der Gewalt- und Suchtprävention, der Gesundheitsförderung und der Integration. 2011 wurden gesamtschweizerisch in 120 an Samstagabenden und am Sonntag geöffneten Turnhallen 90 000 Besuche Jugendlicher registriert. Das Programm Midnight Sports richtet sich an 13- bis 17-Jährige und wird an 90 Standorten angeboten, der Open Sunday ist für Primarschüler gedacht und wird in 30 Hallen durchgeführt. Die Stiftung idee:sport finanziert die Projekte mit Beiträgen von Bund, Kantonen und Gemeinden sowie Gönnern und Sponsoren. Im Kanton Zürich werden die Programme Midnight Sports und Open Sunday in über zwei Dutzend Gemeinden angeboten.